Es ist der pure Existenzkampf, der im Montagsspiel zwischen Werder Bremen und dem VfB Stuttgart ansteht. Aber wie konnte es so weit kommen, dass die Meister von 2004 und 2007 derart an den Abgrund geraten sind? Das hat auf beiden Seiten etwas mit Robin Dutt zu tun.
Es ist seine Aufgabe als Sportdirektor, dass Dutt den Mutmacher gibt. "Nach dem Spiel in Bremen wird nur eine Mannschaft ein Grinsen im Gesicht haben - und ich wüsste nicht, warum wir das nicht sein sollen." Wenn nicht die sportliche Leitungsebene beim VfB Stuttgart Zuversicht verströmt, wer sonst?
Zu viel steht für die Schwaben im ersten regulären Montagsspiel der Bundesliga-Geschichte auf dem Spiel: Geht auch das Kellerduell beim SV Werder verloren, würde der VfB auf den Relegationsrang abrutschen. Im Umkehrschluss müssen auch die Grün-Weißen als Vorletzter unbedingt gewinnen. Zwei Traditionsvereine taumeln am Abgrund. Beide sind froh, wenn irgendwie die Rettung gelingt. Notfalls auch über die Relegation.
Die Erfolge der Vergangenheit sind verblasst
Dabei ist die Historie voller Triumphe. Wer im Weserstadion durch die Katakomben schreitet, sieht überall die Bilder aus den besseren Zeiten. Im Profitrakt wird an vier Meisterschaften, sechs Pokalsiege und einen Europapokalsieg 1992 erinnert. Von Fotos lachen Thomas Schaaf, Johan Micoud, Ailton, Diego und Mesut Özil dem Betrachter entgegen.
Ähnlich verhält es sich mehr als 600 Kilometer südlich in der VfB-Geschäftsstelle: Es gibt fast lebensgroße Fotos, die an die Meisterschaften 1984, 1992 und 2007 erinnern, dazu Bilder von Hermann Ohlicher, Guido Buchwald und Mario Gomez. Auch Armin Veh grinst auf einem. Insgesamt kann der Verein mit dem roten Brustring unter anderem acht nationale Titel vorweisen.
Die Champions League war Fluch und Segen
Wie konnte es nur so weit kommen, dass diese beiden Klubs, die auch in ihren Regionen fest verwurzelt sind, so tief gefallen sind? Die eine Erklärung - die gerne von der aktuellen Geschäftsführung bemüht wird - geht immer so, dass die Kardinalfehler gemacht worden sind, als die Königsklasse erreicht wurde. Um das Niveau (und die Spieler) zu halten, wurden etliche Gehälter angehoben, kostspielige Transfers getätigt.
Doch ein Abonnement auf die Geldvermehrungsmaschinerie namens Champions League hat nur, wer so aufgestellt ist wie der FC Bayern. Bremen und Stuttgart sind seit Jahren dabei, sich wirtschaftlich zu konsolidieren, was fraglos auf Kosten der sportlichen Wettbewerbsfähigkeit gegangen ist. Der x-te Abstiegskampf hintereinander belegt diese These.
Dutt ist ein Tüftler
Einst mit Werder-Schal: Robin Dutt
Doch ist das nicht zu kurz gegriffen? Wer auf Fehler und Fehleinschätzungen der jüngeren Vergangenheit eingeht, der stößt auf eine handelnde Person, die als Klammer taugt: Der ehemalige DFB-Sportdirektor Dutt hat schließlich vor seinem VfB-Engagement für Werder gearbeitet. Als Trainer.
Aber wer sich mit Verantwortlichen in Bremen unterhält, der hört nicht nur Gutes: Der schon damals familiär in Stuttgart beheimate Fußballlehrer war beim Amtsantritt im Juli 2013 extrem eifrig und fleißig, er schmiedete stundenlang Taktik- und Trainingspläne und sein Trainerzimmer soll ausgesehen haben "wie eine Computerzentrale", schrieb der "Weser-Kurier".
Mit seinem akademischen Ansatz hatte der Tüftler nur die erste Saison Erfolg. Damals war die Mannschaft froh, nach dem wenig kommunikativen Werder-Urgestein Thomas Schaaf einen Trainer zu bekommen, der viel mit ihnen sprach. Doch Dutt, der trotz aller Bemühungen mit dem Standort Bremen nie wirklich warm wurde, verlor die Mannschaft nach und nach. Zudem zündeten seine Wunschspieler wie der Ex-Freiburger Cedrick Makiadi nicht.
Skripnik hatte zunächst mehr Erfolg
Eine Negativserie im Herbst 2014 kostete Dutt den Job. Und Viktor Skripnik wurde zum Cheftrainer Profis befördert. Bis zum Saisonende coachte der unkonventionelle Ukrainer den Kader mit überragendem Erfolg rasch zum Klassenerhalt. Am letzten Spieltag bei Borussia Dortmund hatte der SV Werder sogar noch theoretische Chancen auf die Europa League.
Doch in dieser Saison hat auch Skripnik mehr als nur einen Kratzer davongetragen: Der Schlingerkurs in der taktischen und personellen Ausrichtung der Mannschaft kostete entscheidende Punkte. Gegen die Aufsteiger Ingolstadt und Darmstadt sprang beispielsweise nur ein kümmerlicher Zähler heraus. Und die fehlende Balance zwischen Offensive und Defensive scheint der 46-Jährige von Vor-Vorgänger Schaaf übernommen zu haben. Dass er dennoch bleiben durfte, hatte auch mit den Überraschungserfolgen zu tun, die die Hanseaten im DFB-Pokal bis ins Halbfinale brachten.
Abstiegskampf als ewiger Begleiter?
Anders als Bremen hat Stuttgart seinen Trainer früh in dieser Spielzeit gewechselt: Zu blind rannte das VfB-Ensemble anfangs unter Alexander Zorniger wiederholt ins Verderben, als dies dauerhaft hätte gut gehen können. Zorniger musste Ende Novembergehen, Jürgen Kramny wurde dann von Dutt befördert, der zu Jahresbeginn 2015 als Vorstand Sport beim VfB Stuttgart angeheuert hatte.
Genau wie bei Werder ist der 51-Jährige nicht unumstritten. Die einen loben Loyalität und Rhetorik in der Alltagsarbeit, die anderen vermissen Konzepte und Kreativität in der Personalpolitik. Daniel Didavi geht im Sommer ablösefrei zum VfL Wolfsburg, Filip Kostic wird erneut umworben. Selbst wenn es für den VfB (und Dutt) im Weserstadion gut ausgeht: Der Abstiegskampf scheint wieder nur verschoben. Bis ins nächste Jahr. Und für Werder gilt dasselbe.
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