Bundestrainer Joachim Löw hat sich die Slowakei ausgesucht, weil er einen Gegner wollte, der die Defensive beherrscht. Einen besseren Testspielpartner hätte er nicht finden können.
Wenn Deutschland am Sonntag (17.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Augsburg gegen die Slowakei spielt, spielt sie eigentlich gegen die Ukraine. Und ein bisschen gegen Polen. Und ein ganz klein wenig gegen Nordirland.
Es hat sich eingebürgert, dass die letzten Testspiele vor einem Turnier die dortigen Vorrundengegner simulieren sollen. Und von den Slowaken erwartet Bundestrainer Joachim Löw, dass sie sich auf dem Feld ungefähr so benehmen wie die Ukrainer, Polen und Nordiren, gegen die die Nationalmannschaft bei der EM in Frankreich (10. Juni bis 10. Juli) die Gruppenphase bestreitet.
Die Jobbeschreibung für die Suche nach einem Testspielpartner vor der EM liefert Löw gleich mit: "Mannschaften, die gelernt haben, gut zu verteidigen und versuchen über Konter zum Erfolg zu kommen. Mannschaften, die gegen uns nie das Heft in die Hand nehmen würden, sondern sich mit neun, zehn Mann wie eine Wand hinten postieren." Löw spricht über die Ukraine, den ersten Gruppengegner der EM, er hätte aber genauso auch über die Slowakei reden können.
Tatsächlich hat Trainer Jan Kozak ein Team von Defensivspezialisten gebaut, mit dem Liverpooler Abwehrchef Martin Skrtl als Symbolfigur. Gegen Skrtl zu spielen ist kein Spaß, der eigene Strafraum ist sein Revier. Seinen Nebenmann Jan Durica von Lokomotive Moskau bezeichnet der "Kicker" als "kompromisslos", ein diplomatischer Ausdruck dafür, dass eine Partie gegen ihn selten ohne blaue Flecken abgeht. Der Herthaner Peter Pekarik gesellt sich als dritter Abwehrroutinier dazu.
Marek Hamsik ist in Neapel ein Idol
Dass der Star des Teams trotzdem ein Angreifer ist, spricht für den zweiten Teil von Löws Profilbeschreibung: "Sie haben ausgezeichnete Konterspieler, die uns fordern werden." Eigentlich hätte der Bundestrainer dies auch im Singular formulieren können, denn die Offensivabteilung der Slowaken besteht aus weiten Teilen allein aus Marek Hamsik.
Seit nunmehr neun Jahren steht Hamsik beim SSC Neapel unter Vertrag, er hat allen Wechselangeboten widerstanden. Mehr als 300 Ligaspiele hat er für Napoli absolviert, dabei 80 Tore geschossen. Er ist für den SSC fast schon so etwas wie es Francesco Totti für AS Rom ist, ein Vereinsidol.
Für Hamsik ist es die erste Europameisterschaft, für die Slowakei als eigenständiges Land hatte es bisher nie für die Teilnahme gereicht. Dass sie jetzt dabei sind, hat allerdings nicht nur mit der Aufstockung des Teilnehmerfeldes auf 24 Mannschaften zu tun. Die Slowaken haben sich das Endturnier mit einer starken Qualifikation verdient, ließen unter anderem die Ukraine hinter sich. Dem Gruppensieger Spanien, immerhin EM-Titelverteidiger, mussten sie nur knapp den Vortritt lassen. Und den 9. Oktober 2014 wird in Bratislava, Kosice und Trencin niemand vergessen: Die Slowaken schlugen in ihrem Qualifikations-Heimspiel Spanien 2:1, ein Höhepunkt der jungen Länderspielgeschichte.
Der WM-Sieg gegen Italien war ein Feiertag
Einmal war die Slowakei bei einer WM dabei, 2010 war das, und in der Vorrunde wurde der Weltmeister Italien ausgeschaltet. Es war ein Feiertag in der Slowakei, als die Italiener 3:2 besiegt wurden. Der ehemalige Nürnberger Robert Vittek wurde mit zwei Treffern zum Helden.
Hamsik, Skrtl und Pekarik bildeten schon damals das Gerüst der Mannschaft. Das slowakische Team ist erfahren, es ist aber auch in die Jahre gekommen. Tempofußball über 90 Minuten ist von dieser Elf nicht mehr zu erwarten. Es hat von daher schon eine gewisse Konsequenz, dass Trainer Kozak sein Team auf Abwarten, auf Ball- und Spielverschleppung getrimmt hat.
Der Coach hat die Elf 2013 übernommen, zuvor war er ein erfolgreicher Vereinstrainer in Kosice. Der 62-Jährige gehört zu den wenigen, die schon wissen, wie sich eine EM anfühlt. 1980 stand er als Spieler für die CSSR im Aufgebot, die Tschechen wurden damals Dritter. Dies zu wiederholen wäre schon ein ziemlich ambitioniertes Unterfangen. In der Gruppenphase geht es gegen England, Wales und Russland. Ein Weiterkommen ist bei dieser Konstellation zumindest nicht völlig ausgeschlossen.
Aber wenn man der Logik folgt, dass Testspiele vor dem Turnier spätere Gegner simulieren sollen, dann hat sich die Slowakei für diese Europameisterschaft ziemlich viel vorgenommen.
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