Von Robin Tillenburg
Viele Kaderplätze für die Europameisterschaft sind wohl schon vergeben, doch vor allem im Mittelfeld herrscht im vorläufigen Kader noch großes Gedränge. Gegen die Slowakei müssen die fraglichen Spieler liefern.
Aus 27 werden 23 - Joachim Löw muss bis zum 31. Mai seinen endgültigen EM-Kader verkünden. Der Test gegen die Slowaken am Sonntag (17:45 Uhr live im Ersten) soll dem Bundestrainer die Entscheidung erleichtern, welche vier Spieler er noch nach Hause schickt. Die drei Torhüter sind bereits sicher dabei, Manuel Neuer als Nummer eins, dahinter wohl nahezu gleichauf Bernd Leno, der am Sonntag sein Länderspieldebüt feiern wird, und Marc-André ter Stegen. In der Abwehr ist Mats Hummels momentan verletzt und nicht einsatzfähig, die Worte des Trainerteams deuten aber darauf hin, dass er definitiv bis zum Turnier fit - und somit auch im Kader sein wird.
Auch Streichkandidaten in der Abwehr?
Löw hat inklusive Hummels allerdings fünf gelernte Innenverteidiger im Aufgebot, möglicherweise muss auch auf dieser Position noch einer weichen. Antonio Rüdiger wäre ein Kandidat, sicher ist aber nicht, dass auch auf dieser Position noch ein Spieler ausgesiebt wird. Als Außenverteidiger dürfte Jonas Hector gesetzt sein, genau wie der polyvalente und deshalb so wertvolle Emre Can. Sebastian Rudy muss sich im Test gegen den EM-Teilnehmer allerdings noch zeigen, um den Nationalcoach endgültig zu überzeugen.
Vielseitigkeit ist Trumpf
Im Mittelfeld gibt es einige Duelle, aus deren Konstellation wohl nur ein Spieler auf dem Zug nach Frankreich aufspringen wird. Eines davon ist das zwischen Borussia Dortmunds Julian Weigl und Bayern Münchens Joshua Kimmich. Kimmich könnte gegen die Slowakei in der Startelf stehen, Weigl tendenziell eher von der Bank kommen - ein Zeichen. Denn Kimmichs Chancen stehen wohl besser. Löw lobte dessen vielseitige Einsetzbarkeit, neben der Sechserposition könne der spielstarke 21-Jährige auch in der Abwehrzentrale und Außen eingesetzt werden.
Weigl ist diesbezüglich nicht ganz so vielseitig und da Löw diese Eigenschaft an seinen Spielern besonders schätzt, müsste Weigl schon am Sonntag ein überragendes Debüt abliefern, um mit nach Frankreich zu fahren. Nur, wenn der eigentlich aufgrund seiner Führungsrolle gesetzte Kapitän Bastian Schweinsteiger bis zum Stichtag einen gesundheitlichen Rückschlag erleiden sollte, hätten beide die Chance, gemeinsam mitzufahren, da dann auf der Sechserposition zusätzlicher Bedarf entstünde.
Sané mit Vorteilen
Auf dem Weg zur EM? Leroy Sané
Auf dem Flügel duellieren sich der vierte im Bunde der DFB-Debütanten am Sonntag, Julian Brandt von Bayer Leverkusen, und Schalkes Leroy Sané. Hier hat Sané aktuell die Nase vorn, gegen die U20 hatte er einige gute Szenen und Torwarttrainer Andreas Köpke lobte: "Leroy hat Fähigkeiten, die nicht viele andere haben." Da Brandt und Sané beide im weitesten Sinne ähnliche Spielertypen sind wie André Schürrle, der aufgrund seiner Erfahrung Vorteile haben dürfte, und Karim Bellarabi, der gegen die U20 ebenfalls stark aufspielte, wird wohl maximal einer von ihnen im endgültigen Aufgebot stehen. Allerdings fehlte Bellarabi wegen einer Zerrung im Abschlusstraining und wird nicht auflaufen können, die Verletzung soll aber, so Löw, nur zwei oder drei Tage andauern.
Brandt hat die Chance, sich gegen die Slowakei noch einmal zu empfehlen, ihm müsste aber ein herausragendes Spiel gelingen. Der Leverkusener spielte seine persönliche Druck-Situation dennoch herunter: "Man sollte sich nicht zu großen Stress machen und verklemmen. Im ersten Länderspiel hat man nichts zu verlieren."Sané erklärte im Hinblick auf den auch für ihn wichtigen Test: "Wir wollen einbringen was der Trainer von uns sehen will. Wir wissen, wo unsere Stärken liegen." Dieser Tenor klingt schon sehr nach dem, was Löw von seinen Spielern hören möchte - Sanés Chancen stehen gut.
Einsatzgarantie für die Youngster
Weitere potenzielle Wackelkandidaten für den abschließenden Kader wären Lukas Podolski, der aber menschlich für das Mannschaftsgefüge wichtig sein dürfte und auch sportlich zuletzt eine aufsteigende Tendenz zeigte, sowie Julian Draxler und eben Schürrle. Die beiden Wolfsburger können sich aber eigentlich ebenfalls aufgrund einer aufsteigenden Tendenz und ihrer Erfahrungs als Weltmeister gut Chancen ausrechnen.
Der Bundestrainer gab zumindest den Youngstern jedenfall für den Test eine Einsatzgarantie: "Ich plane, dass alle auf jeden Fall einen Einsatz bekommen. Ob 45 Minuten oder länger, muss man sehen." Das Wechselkontingent will er "komplett ausnutzen." Köpke ergänzte noch und unterstrich den Stellenwert des Spiels: "Das ist nicht irgendein Freundschaftsspiel, sondern eine wichtige Standortbestimmung. Wir wollen taktische Dinge probieren, das Ergebnis ist allerdings eher zweitrangig."
Noch kein Mannschaftstraining: Bastian Schweinsteiger
Das Kader-Schaulaufen gegen die Slowaken dürfte eben tatsächlich letztendlich genau das sein. Löw will die offenen Planstellen in seiner Idee für eine erfolgreiche EM besetzen, will sehen, ob die jungen Spieler schon gut genug sind, um möglicherweise Etablierte zu verdrängen, oder das Risiko, das Löw beispielsweise in der Nominierung des seit Monaten ohne Spielpraxis agierenden Schweinsteigers eingeht, ausmerzen zu können.
Wer wird die Löw-Überraschung?
Am Ende dürfte Schweinsteiger aber wohl ebenso zur EURO fahren wie Podolski, der mit in Augsburg ist, aber aufgrund seines Einsatzes im türkischen Pokalfinale am Donnerstag noch geschont werden soll. Gar nicht erst mit reisen Mesut Özil, Thomas Müller und Manuel Neuer nach zahlreichen Einsätzen in dieser Saison, sowie aus gesundheitlichen Gründen Marco Reus und eben Schweinsteiger, Hummels und Bellarabi.
Zwei oder drei der vier ganz jungen Spieler werden aber wohl am 31. Mai die Heimreise antreten müssen, egal wie ihre Leistungen gegen die Slowakei sein sollten. Ähnlich wie dann im Fall Schweinsteiger agierte Löw auch in der Vergangenheit, beispielsweise bei Sami Khedira vor der WM 2014.
Eine Überraschung hält sich der Bundestrainer allerdings immer gern offen, so nominierte er beispielsweise 2014 auch Christoph Kramer, der erst kurz zuvor debütiert hatte. Diesmal könnte diese "Überraschung" Kimmich oder Sané heißen und wäre damit eine kleinere - eine Nominierung Weigls oder Brandts dürfte dann schon als größere ihrer Art gelten.
Löws Jugend-Quartett: Vier gewinnt
Mit Julian Weigl, Joshua Kimmich, Julian Brandt und Leroy Sané hat der Bundestrainer vier junge neue Leute in den vorläufigen Kader berufen. Wohl nur zwei werden zur EM fahren, verdient hätten es alle.
Der Fußballer Andreas Köpke stammt noch aus einer Zeit, als junge Spieler sich erst einmal hinten anzustellen hatten. Sie durften den Stars, den Arrivierten, vielleicht einmal im Training die Bälle zukicken, ansonsten sie durften vor allem eines: lernen.
Heute wundert sich der DFB-Torwarttrainer Andreas Köpke darüber, "wie ungeheuer selbstbewusst die jungen Spieler hier bei der Nationalmannschaft schon auftreten". Seit den Neunzigerjahren, als Köpke aktiv war, hat sich vieles verändert. Und am meisten vielleicht, welchen Wert Nachwuchstalente im Profifußball bekommen haben.
Joachim Löw hat für seinen vorläufigen EM-Kader vier ganz junge Spieler berufen: Den Dortmunder Julian Weigl, 20 Jahre jung, den Bayern-Profi Joshua Kimmich, im Februar 21 Jahre geworden, den Leverkusener Julian Brandt, ebenfalls 20 Jahre jung und den gleichaltrigen Leroy Sané vonSchalke 04. Ein Quartett, das dafür steht, wie sich der Fußball in Zukunft entwickeln wird.
Mit 20 schon taktisch ausgereift
Fußballer, die mit gerade 20 technisch schon so ausgebildet sind, dass sie höchsten Ansprüchen genügen. Die vor allem aber trotz ihrer Jugend über größtes taktisches Verständnis verfügen. Mit denen Taktik-Freaks wie Josep Guardiola und Thomas Tuchel bereits perfekt arbeiten können. Vor 20 Jahren wäre so was noch undenkbar gewesen.
Mit solchen Fähigkeiten ausgestattet haben alle vier in dieser Spielzeit Außergewöhnliches zustande gebracht. Wenn man an die Aufsteiger der Saison denkt, dann sind sie automatisch auf der Shortlist. Und wenn es rein nach dem Leistungsprinzip ginge, hätten wohl alle vier ihren Platz im EM-Kader sicher.
Nun ist so ein Turnier-Kader allerdings ein Gebilde, das anhand ganz unterschiedlicher Kriterien zusammengebastelt wird. Und eines der Hauptkriterien ist, dass jeder Job auf dem Platz zwar optimalerweise doppelt besetzt werden sollte, aber auch nicht häufiger. Und da Kimmich und Weigl einerseits als defensive Mittelfeldspieler und Brandt und Sané auf der anderen Seite als Außenbahnstürmer auf die gleiche Position spezialisiert sind, "sind wir natürlich auch Konkurrenten", wie Weigl unumwunden zugibt.
Kimmich könnte seine Flexibilität ausspielen
Vier Spieler muss Joachim Löw bis zum 31. Mai noch aus dem Aufgebot streichen. Die meisten tippen, dass dabei auch die Fragen Weigl oder Kimmich beziehungsweise Brandt oder Sané erörtert werden. Wobei Kimmich, der vor der Presse dieser Tage noch leicht eingeschüchtert vom "Herrn Löw" sprach, einen Vorteil auf seiner Seite hat. Er hat bei den Bayern schon auf unterschiedlichen Positionen gespielt "und das Spielfeld dadurch auch aus verschiedenen Blickfeldern entdeckt". Löw schätzt bekanntlich flexible Spieler. Das könnte Weigl den Platz kosten.
Sané hat gegenüber Brandt einen Erfahrungsvorsprung. Der Schalker war schon im vergangenen Herbst für die Nationalmannschaft nominiert worden, der junge Stürmer kann zudem noch stärker als Brandt ein Überraschungselement ins Spiel einbringen. In Europa gilt der 20-Jährige derzeit als ganz heiße Ware, wenn es um einen großen Transfer geht.
Zahlreiche Top-Klubs haben Sané auf dem Zettel. Er selbst sagt, er mache sich "darüber jetzt überhaupt noch keine Gedanken". Dass Schalke ihn jedoch halten kann, wenn er tatsächlich bei der EM Auffälliges leistet, ist nur schwer vorstellbar. Bei den Summen, die in diesem Sommer aufgerufen werden dürften.
"Sehr viel Glück"
Solche Luxusprobleme kennt Brandt nicht. Er hat sich im Endspurt der Saison nicht nur bei Bayer festgespielt, vielleicht war er im Schlussdrittel der Spielzeit zusammen mit dem Gladbacher André Hahn sogar der zielstrebigste und zuverlässigste Torschütze der ganzen Liga. "Er ist ein ganz cooler Junge", hat U20-Trainer Frank Wormuth dem Leverkusener attestiert. Wormuth kennt die Jungen alle, sie sind bei ihm in die Schule gegangen, er sagt: "Ich traue allen vieren alles zu."
Gegen die Slowakei am Sonntag (17.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Augsburg werden die vier alle die Chance bekommen, sich zu empfehlen. Löw versprach jedem der Jungstars Spielzeit. Brandt weiß, worauf es dann ankommt: "Nur nicht verklemmen und keinen großen Stress aufkommen lassen."
Dass zwei aus dem Quartett womöglich danach die Heimreise antreten müssen, das gehört zu den Erfahrungen, die diese Spieler in ihrem Alter noch machen und verarbeiten müssen. Dabei hilft ihnen auch ihr fußballerisches Können wenig. Wormuth sagt auch: "Es gehört gerade bei den Jungen auch sehr viel Glück dazu, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein."
Was das bedeuten kann, haben die beiden Schalker Max Meyer und Leon Goretzka erfahren. Auch sie gehörten vor zwei Jahren zum vorläufigen Kader und gaben Anlass für die größten Hoffnungen. Dann strich sie Löw aus dem endgültigen Aufgebot, und heute sind sie für den Bundestrainer kein großes Thema mehr. Weigl, Kimmich, Brandt und Sané haben sie überholt.
Nenhum comentário:
Postar um comentário